[Rezension] Natsu Miyashita – Der Klang der Wälder

Jeder Mensch nimmt Töne in seinen unterschiedlichsten Klangfarben wahr. Der eine mag helle Töne, der andere dunkle. Dem einen gefällt der Klang eines Klaviers besser, der andere bevorzugt Streichinstrumente. So ist das Klangempfinden ein sehr individuelles Ziel, und der perfekte Klang ebenso.

Als der junge Tomura in der Schule auf den Klavierstimmer Itadori trifft, ist für den jungen Mann klar: er will lernen, wie man Klaviere stimmt. Und doch verlangt ihm diese Ausbildung alles ab. Denn: technisch gesehen besitzt der junge alles Handwerkszeug, um ein Klavier zu stimmen. Aber das Ziel, ein Instrument perfekt zu stimmen, hängt nicht allein vom Klavier ab. Viele Faktoren wie das Wetter, Raumtemperatur, Einrichtung, ja sogar die unterschiedlichen Menschen beeinflussen das Klangbild enorm. Auf der Suche nach dem vermeintlich perfekten Klang verzweifelt Tomura immer wieder, und zweifelt vor allem an sich selbst. Als er auf die Zwillinge Yuni und Kazune trifft, wendet sich das Blatt.

„Der Klang der Wälder“ von Natsu Miyashita hat mir die Augen geöffnet. Wer selbst Instrumente spielt und wer dann noch mit einem Tontechniker zusammen ist, weiß selbst, dass das Klangbild eines Instrumentes schnell verstimmt sein kann. Es benötigt manchmal mehr als nur Geduld, den Klang herzustellen, mit dem man sich wohl fühlt. Und selbst, wenn man selbst den Ton als perfekt empfindet, wird ein weiterer Mensch noch etwas zum nachjustieren haben.

Dieses Buch zeigt so offensichtlich, dass es nicht nur darum geht, nach Perfektionismus zu streben. Vielmehr ist der perfekte Klang davon abhängig, was das Ziel eines einzelnen Musikers oder Zuhörers ist. Nicht immer ist es von Vorteil, den perfekten Klang zu haben, sondern auf den einzelnen einzugehen. Denn ein Schüler wird nicht das Spielempfinden eines Konzertpianisten haben.

Und vielleicht ist es auch das, was wir im Leben beachten sollten: Jeder hat seine ganz eigenen Bedürfnisse. Diese decken sich nicht immer mit denen der anderen, sie sind bunt wie die Blätter in einem Herbstwald. Sie sind so vielfältig wie die Natur. Und sollten ebenso pfleglich behandelt werden.

Dieses Buch ist für mich so gelungen. Die Protagonisten, die teilweise nicht unterschiedlicher sein könnten, und sich doch auf eigene Weise voranbringen und ergänzen. Die Umgebung ist fast unwichtig, in der sie spielt und doch bietet sie Raum zum Entfalten. Besonders der Schreibstil ist gelungen. So viele bildhafte Vergleiche, die einem die Musik auf eine ganz neue Weise näher bringt. Die vielen Aha-Momente lassen sich auf so viele Momente anwenden, dass es bereichernd ist. Es ist ein stilles Buch, und doch nicht. Es öffnet einem die Augen auf schleichende Weise, ohne langweilig oder belästigend zu wirken. Klare Leseempfehlung!

[Rezension] Jochen Schweizer – Die Begegnung

In einer stürmischen Nacht nimmt Hakon einen jungen Mann in seiner Hütte auf, der mit seinem Kanu gestrandet ist. Während draussen in schwärzester Nacht ein schweres Gewitter tobt, verkürzen sich beide die Nacht, in dem sie beide ihre Lebensgeschichte erzählen. Beide verbindet die Suche nach einem erfüllten Leben und dem Sinn des Lebens. Welchen Sinn und welche Rolle steht einem Menschen im großen Ganzen zu?

Beide Männer sind von ähnlichen Dingen getrieben. Die Familiensituation war nicht immer einfach, und beide wollten ihren Platz im Leben finden. Um diesen zu finden, wollten beide sich ausprobieren, doch dafür fehlten nicht nur die finanziellen Mittel, sondern auch der Rückhalt der Familie. Beide müssen sich Entscheidungen stellen, deren Konsequenzen sie nicht immer voraus sehen können. Oftmals entschied sich eine Entscheidung für falsch, und doch brachten sie wertvolle Erfahrungen mit sich. Auch wenn nicht jede Entscheidung zum Ziel führte, brachte sie besonders Hakon voran. Dieser teilt seine Erfahrung bereitwillig mit seinem Besucher, der wiederum sehr davon profitiert.

Es sind nicht nur die Entscheidungen im Leben, die einen weiterbringen. Es sind auch die Begegnungen mit den Menschen, die uns auf unserer Reise begegnen. Manch Lebensweg wäre sicherlich anders verlaufen, wäre man an bestimmter Stelle anders abgebogen: man wäre manchem Menschen oder Situation gar nicht erst begegnet.

Und gerade das macht das Leben doch irgendwie besonders: Begegnungen mit Menschen, von denen man lernt, Kraft und Inspiration bekommt. Viele Begegnungen bringen einen weiter, beeinflussen einen mehr oder weniger und geben Denkanstoß für neue Richtungen.

Dem Buch „Die Begegnung“ von Jochen Schweizer bin ich erst etwas kritisch gegenüber gestanden. Manch Unternehmer hätte das Schreiben lieber sein gelassen. Doch hier muss ich sagen: ich kann mir durchaus vorstellen, dass Jochen Schweizer in diesem Buch seine Leidenschaft fürs Leben eingeflochten hat. Viele Menschen haben etwas, das sie voran treibt und für das sie brennen. Die Protagonisten haben jeder für sich einen Antrieb, ihr Leben voranzutreiben. Dieses Buch gehört zu meinen unerwarteten Highlights in 2021. Es ist für mich motivierend, regelmäßig seine Lebenseinstellung zu hinterfragen mit Hinblick auf das, was man täglich aufs neue bewirken kann. Für sich, aber vor allem für andere und unseren Planeten. Dies hat der Autor gekonnt auf den Punkt gebracht. Eine Begegnung mit einem Buch, das ich sicherlich nicht nur einmal gelesen habe.

[Rezension] Marisa Kanter – What I like about you

Als Blogger kennt man das irgendwie: Das was man im Internet zeigt ist nur ein Ausschnitt dessen, was einen wirklich ausmacht. So ergeht es auch Halle Levitt. Ihre Onlinewelt glänzt, sie ist als Halle Fels der Star im Internet und die Königin der Cupcakes. Mit ihrem besten Onlinefreund Nash kann sie alles teilen – nur nicht die Wahrheit.

Als sie die Schule wechselt, erlebt Halle ihren Horrormoment schlechthin: Nash steht wahrhaftig vor ihr, und sie muss sich entscheiden. Sagt sie die Wahrheit oder kann sie die Wahrheit verbergen?

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Es ist aus dem modernen Leben gegriffen, denn wie oft ergeht es uns genau so: Das Onlineleben ist ein Ausschnitt aus dem, was wir wirklich sind und uns ausmacht. Oft täuscht der erste Eindruck, und dieses Buch trifft den Nagel auf den Kopf.

Wunderbar flüssig geschrieben, humorvoll, die Protagonisten sind überzeugend und sympathisch und vor allem menschlich. Nicht nur für junge Erwachsene! Und ich hol mir jetzt erstmal einen Cupcake (man sollte definitiv Gebäck beim Lesen zur Hand haben).

[Rezension] Timur Vermes – U

Zugegeben, erst durch Recherche war mir Timur Vermes ein Begriff. Da ich seine bisherige Literatur nicht kannte, wurde ich durch die Buchbeschreibung auf „U“ neugierig, wie Vermes so schreibt.

Die Lektorin Anke Lohm trennen nur wenige U-Bahnstationen von ihrem Ziel. Den fast leeren Waggon teilt sie sich mit einem einzigen Fahrgast, der sich als etwas anstrengend erweist. Aber der will ja die nächste Station raus. Der Haken: die nächste Station kommt nicht. Nicht nach 3 Minuten, nicht nach 5. Hat sich die Bahn verfahren? Gibt es technische Probleme? Die Sprechstelle im Zug ist auch keine Hilfe, und so düsen die beide durch die Dunkelheit.

Angepriesen wird der Autor als Virtuose literarischer Spannung. Nun, für meinen persönlichen Geschmack ist die Grundidee recht spannend, die eine U-Bahn im Untergrund verschwinden lässt. Keiner kennt die Zugnummer, keiner glaubt den Eingeschlossenen. Eine schwangere Mitreisende verschwindet urplötzlich, und man mag am Verstand der Fahrgäste zweifeln. Jedoch ist der Schreibstil recht gruselig. Abgehackte Sätze, die die Gedanken der Hauptprotagonistin wieder geben, machen es beim Lesen recht schwer, der Handlung zu folgen. Ich weiß nicht, ob ich mir die Geräusche, die so ein Koffer mit blockierten Reifen so genau, und vor allem so oft vorstellen möchte. Es fiel mir recht schwer, das Buch zu Ende zu lesen.

Da ich zeitgleich das Hörbuch gehört habe, muss ich eine Lanze für das Hörbuch brechen. Die Sprecher haben vieles retten können, und machten manche Emotion überzeugend nachvollziehbar. Bei dieser Geschichte sollte man lieber zum Hörbuch aus dem Osterwold Verlag greifen.

[Rezension] Simon Beckett – Die Verlorenen

Es ist nicht auszumalen, was es für Eltern bedeuten muss, ihr Kind zu verlieren. Dass hier nicht nur Ehen, sondern auch Menschen daran zu Grunde gehen können, ist sicherlich unstrittig. So ergeht es auch Jonah Colley. Sein Sohn wurde vor 10 Jahren entführt, während Jonah einen Moment nicht aufmerksam war. Als Jonah auf ein einsames Fabrikgelände gerufen wird von seinem ehemaligen Polizeikollegen Gavin und dort nicht nur dessen Leiche findet, gerät die Welt ins Wanken. Beim Versuch, eine Frau aus einem luftdicht verschlossenen Sack zu retten, wird er selbst fast überwältigt. Als er auf eigene Faust nach den Tätern sucht, begibt er sich in höchste Gefahr. Denn die Geister aus der Vergangenheit sind nicht verschwunden und treiben ihr Unwesen.

Mit Jonah Colley hat Simon Beckett einen neuen Ermittler geschaffen, der mir recht sympathisch war, auch wenn er kantig ist. Sein Biss, nicht aufzugeben, um den Fall zu lösen und sein Instinkt, dass es eine Verbindung zwischen Kindesentführung und Leichenfund gibt, ergab für mich eine gute Kombi. Das Buch blieb bis zum Schluss spannend, wofür gerade die Protagonisten mit ihren Handlungen gesorgt haben.

Es ist mein erstes Hörbuch von Simon Beckett gewesen, und es hatte seinen eigenen Charme. Johannes Steck ist ein sehr angenehmer Sprecher, und lies einen lange Strecken mühelos hören, ohne aufdringlich oder langweilig zu wirken. Für mich eine klare Hörempfehlung!

[Rezension] Alex Reeve – Das Haus in der Half Moon Street

Der Autor Alex Reeve entführt uns in ein London im Jahre 1880. Dort treffen wir auf Leo Stanhope, der als Assistent in der Gerichtsmedizin arbeitet. Bei einem Fall bemerkt er eine merkwürdige Notiz auf einer Bierflasche, kann diese aber nicht einordnen. Als seine große Liebe Maria unerwartet auf dem Seziertisch liegt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Maria war eine Hure, und doch hatte Leo in ihr mehr gesehen als nur eine oberflächliche Beziehung. Für ihn ist es nicht nachvollziehbar, wer ihr hat schaden wollen, und so begibt er sich auf Spurensuche. Bei den Recherchen entdeckt Leo ein Netzwerk von zwielichtigen Gestalten, die nichts Gutes im Sinn haben. Die geheimen Machenschaften ziehen alle Register, um nicht entdeckt zu werden. Dafür gehen sie über Leichen. Und sind ihrerseits bereit, alles dafür zu tun, ihr Geheimnis zu hüten. Stattdessen wollen sie Leo und seine Gefährten bloßstellen. Denn auch Leo trägt ein Geheimnis mit sich, das er unbedingt für sich behalten muss, denn für ihn steht zu viel auf dem Spiel. Soviel, dass er nicht nur sich, sondern alle Mitwissenden in Gefahr bringt.

„Das Haus in der Half Moon Street“ ist mit der Sprecherin Viola Müller ein wirklich gelungenes Hörbuch. Die Sprecherin bringt eine gewisse Ruhe in diesen Kriminalroman, der nicht von Mord und Totschlag bzw. unzähligen blutigen Leichen geprägt ist, sondern von dem Weg der Ermittlungsarbeit. Die Polizei wirkt desinteressiert, ihre Arbeit lösungsorientiert zu gestalten. Keiner will so recht Leo die Frage gestatten, warum seine große Liebe zu früh ums Lebe kam. Stattdessen bedeutet dieser vermeintliche Mord nur eine Hure weniger, deren Platz sehr schnell ersetzt wird. Und so wird der Wert eines Menschen gleichermaßen zur Frage der Identität? Macht einen der Beruf zu einem schlechteren oder besseren Menschen? Und wie definiert sich der Mensch, was macht ihn zu dem, was er ist? Ist es wert, ein Geheimnis zu offenbaren, jedoch zu welchem Preis für wen?

Der Hauptprotagonist ist so anders als ich ihn erwartet habe, vor allem zu dieser Zeit. Und gerade das macht ihn so sympathisch. Jede/r der Protagonisten/innen ist glaubwürdig. Die Geschichte treibt einen manchmal in den Wahnsinn, weil man unbedingt jetzt sofort wissen will, warum Maria sterben musste. Und doch: die Handlung hat sich die Zeit genommen, die sie gebraucht hat. Es hat die Zeit gebraucht, um die Protagonisten zusammen wachsen zu lassen, ohne langweilig zu wirken.

Das Hörbuch hatte ich innerhalb von ein paar Tagen gehört und werde es zu meinen Highlights für 2021 packen. Es war so eine tolle Stimmung in diesem Buch, ein Krimi, der auf die Ermittlungsarbeit sich konzentriert hat ohne ein Blutbad zu hinterlassen. Es ist eine Geschichte, bei der mir der Hauptprotagonist so sehr ans Herz gewachsen ist, dass ich mich auf den zweiten Teil sehr freue.

Übrigens: wer sofort und hier und jetzt wissen will, was an Leo Stanhope so besonders ist, darf auf diesen Link hier klicken. Ich habe bewusst auf den Spoiler verzichtet, auch wenn man es sich vielleicht denken mag. Es ist ein Nachwort des Autors Alex Reeves.

[Rezension] Uwe Krauser – Rosalie, die Feuerwanze

Was macht eigentlich so eine Feuerwanze, wenn sie ihre Familie verloren hat? Wo könnte so eine Feuerwanzenfamilie hinwandern? Und warum hat die Feuerwanzenfamilie Rosalie nicht mitgenommen? Diese Frage hat sich auch Rosalie gestellt, die nämlich eine  waschechte Feuerwanze ist. Und ihre Familie verloren hat. Nun fragt sich Rosalie, wie sie ihre Familie finden kann. Schnell hilft ihr ein ganz besonderer Marienkäfer und begibt sich mit Rosalie auf die Suche nach der gesuchten Familie. Auf dieser ganz besonderen Reise lernt Rosalie ganz viele neue Tiere kennen. Ein Hundetaxi, eine fiese Spinne, oder fleißige Ameisen. Und Rosalie lernt ganz neue Gebiete in der Natur kennen. Ob sie mit Hilfe ihrer tierischen Freunde ihre Familie wieder findet, könnt ihr in Uwe Krausers neuem Buch „Rosalie, die Feuerwanze“ erfahren. Erschienen ist das Buch im Kampenwand Verlag. 

Wer sich nun fragt, woher er den Namen Uwe Krauser kennt, der darf sich an die tollen Hundeabenteuer von Phoebe und Layla erinnern! Ich liebe diese Hundegeschichten. Aber um die süßen Wauzis Phoebe und Layla soll es heute mal nicht gehen (Wuff!), sondern um etwas ganz anderes. 

Die Natur hat ganz schön viel zu bieten. Das Ökosystem ist ganz schön verzweigt, und manch Pflanzenart hängt genau von einer Tierart ab, und anders herum. Alles ist irgendwie mehr oder weniger sichtbar verbunden. Pilze leben in Koexistenz mit Bäumen, Kolibriarten futtern sich an genau einer Blumenart satt, und auch Feuerwanzen oder Spinnen haben ihren wichtigen Platz in der Natur. Klar sind Spinnen nicht meine Lieblingstiere, aber Uwe macht es mit diesem Buch wirklich sichtbar: alle haben ihren Platz und sind gleich wichtig. Der Verlust von selbst der kleinsten Tierart hat einen immensen Effekt auf das Überleben diesen Planeten. Und das Überleben schaffen wir nur gemeinsam, so wie Rosalie ihre Reise gemeinsam mit ihren neuen Freunden schaffen kann. 

„Rosalie, die Feuerwanze“ ist so ein schönes Buch geworden. Die Kapitelaufteilung, die kleinen Illustrationen am Seitenrand, das Cover: das Buch hat eine tolle Aufmachung. Die Kapitel sind kurz, so dass man auch mal nur ein kleines Stückchen weiterlesen kann (man muss ja das Buch nicht gleich ganz verschlingen, so wie ich). Es ist ein Buch für groß und klein, zum Lernen, Schmökern, für Abenteurer und die es noch werden wollen! 

Lieber Uwe, da ist dir was ganz tolles geworden. Ich habe mich vor der Spinne geekelt (ok, nachher nicht mehr so), ich musste über den Marienkäfer schmunzeln, habe Rosalie ins Herz geschlossen und habe mich mit ins Abenteuer begeben. Ein tolles Buch, das ich von Herzen weiterempfehlen kann. 

[Rezension] Wolfgang Müller – Das weiße Haus

Wie weit würdest du für die Liebe gehen? Wärst du bereit, Veränderungen an deinem Körper vornehmen zu lassen, um der perfekte Partner zu sein?

Elisabeth lebt mit ihrem Freund Anton in Berlin. Längst ist der Putz abgebröckelt, die Luft ist raus aus der Beziehung. Bei einem gemeinsamen Buchprojekt zeigen sich die Spuren der gescheiterten Beziehung deutlich. Antons großer Fund des weissen Hauses stellt die Weiche für die weitere Zukunft des Paares. Elisabeth lässt sich vom Hauseigentümer, einem Schönheitschirurgen, einlullen, und merkt zu spät, welche Konsequenzen dies für ihr weiteres Leben hat. In die gleiche Falle tappt auch Anton, der eine Affäre mit der Frau des Chirurgen anfängt – und somit seine Karriere in einer Finanzbehörde riskiert.

Das weisse Haus ist nicht nur der zentrale Anker in diesem Buch, sondern auch eine Metapher, die sich durchs ganze Buch zieht. Nach außen wirkt der Schein weiß und einnehmend, doch innen ist die Innenausstattung recht kalt und unpersönlich. Diese Metapher gilt für so vieles in diesem Buch: für die zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch die Menschen in diesem Buch. Der vereinnahmende Schönheitschirurg, der die Frauen reihenweise für seine Ziele mißbraucht, dabei wortwörtlich über Leichen geht. Oder der Chef der Finanzbehörde, der erst seine weiße Weste raushängen lässt, dann aber sich als widerwärtiger Mensch gebärdet. Es hat mir sehr gut gefallen, dass sich der Autor der Metapher „außen hui, innen pfui“ bedient hat. Es zieht sich wie ein roter Faden durchs komplette Buch. Auch ein hochwertiges Haus ist nicht vor dem Verfall gefeit, ebensowenig die Menschen. Das zeigt sich auch mit dem Umzug von Elisabeth nach London – wo sie dem Rätsel des originalen weißen Hauses auf die Spur kommt.

Einen kleinen Abzug gibt es für den Klappentext: etwas irreführend ist die Angabe, dass Elisabeth ihre bürgerliche Existenz mit Mann und Tochter opfert. Weder ist Elisabeth mit Anton verheiratet, was oft genug betont wird von der Protagonistin selbst, noch scheint das Verhältnis von Tochter und Mutter seit langem das Beste zu sein, so dass die Tochter nur eine Randposition einnimmt. Dies tut der Handlung jedoch keinen Abbruch. Die Aufmachung des Buches hat mir sehr gut gefallen, da es den harten Bruch zwischen Schein und Sein wiederspiegelt, der sich durch das ganze Buch zieht.

Zugegeben, ich musste die Geschichte sacken lassen. Ein Schönheitschirurg, der knallhart seinen Weg geht, dafür Geldeintreiber, Finanzbehörden und seine vermeintlich Liebsten gegeneinander ausspielt und aufs Ganze geht. Eine Frau, die eigentlich alles hat, was sie zum Leben braucht und doch alles für den Schein aufgibt. Ein Handlungsverlauf, der allein durch den Anschlag in Ägypten fast abgefahren klingt. Und doch: hier trifft bürgerliche Spießigkeit auf vermeintliche Eleganz, und gerade diese Kontraste machen dieses Buch doch realistischer als es auf den ersten Blick wirkt (wo wir wieder bei der Metapher des weissen Hauses sind).

„Das weisse Haus“ ist ein Buch, das mich positiv überrascht hat. Auch wenn hier viel auf Äußerlichkeiten wie Architektur (die ja nicht nur für Häuser zu gelten scheint, sondern auch gewissermaßen in der Schönheitschirurgie) gelegt wird: es kommt auf die inneren Werte an. Und hier hat die Geschichte von Wolfgang Müller auf voller Linie gewonnen. Klare Leseempfehlung.

[Rezension] Hanna Nolden Hoffnung

Hanna Nolden habe ich nicht nur wegen ihren coolen Büchern ins Herz geschlossen, sondern auch menschlich. Und so hab ich mich sehr gefreut, als ich aus der Zombie Zone Reihe das Buch „Hoffnung“ lesen durfte.

Deutschland wurde von einer Zombie Apokalypse überrollt. Es haben zwar einige Menschen überlebt, die müssen aber weiterhin ums Überleben kämpfen. Denn jeder Schritt vors Haus ist lebensgefährlich. Solang man eine gewisse Grundversorgung mit Büchern und Lebensmitteln zuhause hat, ist die Situation noch ganz erträglich. Aber, was wenn nicht?

So zwingt die fehlende Grundversorgung Dany vor die Tür, es fehlt eine Packung Tampons. Schwer bewaffnet wagt sich Dany vor die Tür, und findet nicht nur eine Packung Tampons, sondern noch einen Säugling, den sie adoptiert. Doch ist Hamburg der richtige Platz für so einen Säugling? Dany macht sich auf die Suche nach ihren Eltern, und findet Hoffnung an ganz anderer Stelle, dort, wo sie es am wenigsten erwartet hat.

Zur Zombie Zone Germany ist zu sagen, dass man die Bücher unabhängig von einander lesen kann. So ist „Hoffnung“ bereits der 10. Teil dieser Reihe, und ich wurde nicht enttäuscht. Das Grundsetting ist düster und birgt eine gewisse Endzeitstimmung mit sich. Was man in so einer Grundsituation sicherlich nicht erwartet, ist noch der Glaube und die Hoffnung an eine bessere Welt oder Inseln der Sicherheit. Genau diese trifft Dany, in dem sie den Mut beweist, loszulaufen, ohne Garantie auf Erfolg.

Vielleicht ist es genau das, was wir auch im Alltag benötigen: manchmal braucht es einen kleinen Auslöser, um loszulaufen, Erfahrungen zu sammeln und Hoffnung an Stellen zu finden, bei denen man es gar nicht erwartet.

Vielen Dank an Hanna und den Amrun Verlag für dieses wirklich schöne Buch!

[Rezension] Rudyard Kipling – Das Dschungelbuch (Hörbuch)

Wer kennt diesen Klassiker nicht: Das Dschungelbuch. Sehr oft verfilmt, vertont, gelesen. Ich liebe diese Geschichte.

Ein kleines Menschenjunge wird von seinem Dorf getrennt, und wird von einem Wolfsrudel aufgenommen. Ein Bär, eine Schlange und ein Panther werden zu seinen besten Freunden, die ihm die Regeln des Dschungels erklären. Aber der Frieden täuscht. Nicht nur eine Affenbande macht Mogli das Leben schwer, nein auch der Tiger Shir Khan treibt sein Unwesen und ist Mogli dicht auf der Spur.

Über die Geschichte selbst mag ich gar nicht viel sagen. Rudyard Kipling hat hier einen Klassiker geschaffen, den man – egal welchen Alters – gelesen haben muss. Es mutet fast unvorstellbar an, dass ein Kind in einem verwunschenen Dschungel sich so vielen wilden Tieren stellt, und vor allem überlebt. Aber vielleicht ist es gerade diese kindliche Unschuld, die die wilden Tiere – abgesehen von Shir Khan – daran hindert, dem Kind den Garaus zu machen.

Das Hörbuch aus dem Argon Verlag wird gesprochen von Christian Brückner, und wird vertont von dem Wilden Jazzorchester. Während der Erzählung und zwischen den Kapiteln gibt es musikalische Einspieler, die ganz gut zu der Geschichte passen. Ob ruhig oder wild, es gibt zu jeder Szene die passende Musik.

Zugegeben, ich hatte das Hörbuch vor ein paar Wochen abends beim zu Bett gehen angeschaltet, und habe es recht schnell wieder bei Seite gelegt. Zu viel erschien mir die Musik zum Entspannen und Einschlafen. Als ich das Hörbuch diese Woche wieder hervorgezogen habe, fand ich die Musikuntermalung grundsätzlich viel viel angenehmer. Gerade die ruhigen Passagen zwischen den Titeln bzw. die Hintergrundgeräusche fand ich super. Jedoch waren mir die Musikeinspieler zwischen den Titeln etwas zu lang, ich hab einige Male die Musik übersprungen, weil ich etwas die Stimmung der tollen Erzählung verloren habe. Denn die Stimme des Erzählers entführt einen direkt in den Dschungel. Die Musik untermalt diese Stimmung, für mich hat es aber die Stimmung bzw. die Spannung zu sehr unterbrochen, und ich musste wieder in die einzelnen Kapitel hereinfinden.

Ein Hörbuch, das in ein paar Stunden gehört werden kann, und einen recht gut unterhält. 4 Sterne.