[Rezension] Anna Kirsch – Pinguin allein zu Haus (Krimiadventskalender)

Es ist Anfang Oktober, und ich habe die ersten Weihnachtsbücher im Buchhandel entdeckt. Dazu gehört auch das Buch „Pinguin allein zu Haus: Adventskalenderbuch mit 24 eiskalten Krimis“ von Anna Kirsch. Dieses Büchlein ist wirklich toll gestaltet mit richtig tollen Illustrationen von Johanna Ries. Eine tödliche Auszeitunterhaltung für alle, die in der Weihnachtszeit gestresst sind.

Die Krimis sind auf 24 Tage aufgeteilt (logisch, oder? ;)), und bieten Lesespaß, der bei einem Keks und einer Tasse Kaffee oder Tee wunderbar täglich umsetzbar ist. Jede Geschichte ist kurzweilig, spannend, und man kann trotz der tödlichen Geschichten schmunzeln. Wozu die Menschheit nicht alles im Stande ist. Man möchte fast meinen, die Weihnachtszeit lädt besonders zum Morden ein. Das falsche Geschenk, der Kampf um den letzten Parkplatz, oder der gebuchte Auftragskiller, der am Nikolaus kommt. Wie besinnlich diese Weihnachtszeit doch ist. Oder nicht?

Besonders gut hat mir die Geschichte des Nikolauses im ICE gefallen, und die Geschichte um die Parkplatzsuche. Vielleicht letztere auch besonders gut, weil mich gerade Parkplatz suchen in der Weihnachtszeit extrem stresst.

Johanna Ries hat sich extrem viel Mühe mit der Gestaltung der Grafiken gegeben. Die Grafiken lassen sich schön anschauen, und die einzelnen Kapitel lassen sich bequem aufklappen. Eine schöne und amüsante Abwechslung für die Weihnachtszeit!

[Rezension] Wolfgang Schorlau – Die schützende Hand

Seit einigen Jahren beschäftigt die Öffentlichkeit die Prozesse um die NSU Gruppe. Diesem Thema hat sich Wolfgang Schorlau angenommen. Schorlau lässt den Ermittler Georg Dengler die Ermittlungen aufnehmen. Denn ein anonymes Schreiben führt den Privatermittler auf eine Spur, dass das, was in den Polizeiberichten steht, nicht der Wahrheit entsprechen soll. Dengler begibt sich auf eine Ermittlungsreise, die einen erschaudern lässt.

Die Mischung aus Tatsachenberichten und ergänzenden fiktionalen Anteilen macht diese Geschichte zu einem brisanten Krimi. Schorlau hat sehr viel recherchiert, und nachgeprüft, so dass es einem oft genug eiskalt den Rücken heruntergelaufen ist. Besondere Brisanz empfinde ich bei diesem Buch, dass man diesen Fall gerade aus den Nachrichten kennt, zudem der Fall noch nicht abgeschlossen ist.

Die NSU Morde haben mir ein Gefühl gegeben, wie die Generationen vor uns sich mit der RAF gefühlt haben konnten. Man wusste nie, wann und wo der nächste Anschlag verübt wurde, und auch die Prozesse um die Terrorgruppe beherrschten lange die Nachrichtensendungen.

An diesem Buch hat mir sehr gut gefallen, dass Dengler ein mir sympathischer Ermittler war. Die Umsetzung, Tatsachenberichte und Fakten sowie Quellenangaben mit in diesen Krimi einzubinden, hat mir sehr gefallen, auch wenn es stellenweise den Lesefluss etwas behinderte.

Jedenfalls lesenswert, gerade da dieses Buch so viel an Realität beherbergt.

[Rezension] Arno Strobel – Offline

Als ich letztes Jahr bei Sarah Lippasson das Buch Offline von Arno Strobel entdeckt hatte, war für mich klar, dass ich dieses Buch noch lesen möchte. Jetzt war es soweit.

In der heutigen Zeit finden viele Bereiche unseres Lebens online statt. Das Smartphone scheint der verlängerte Arm des Menschen zu sein: Bankgeschäfte, Reisen buchen, News abrufen, mit Freunden chatten – kaum was geht noch offline. Eine Reisegruppe soll nun eine Pause von den sozialen Medien gönnen. Das Handy wird von der Reiseleitung gesammelt aufbewahrt und für die Reisegruppe unerreichbar versteckt.

Die Reisegruppe darf ein Wochenende in einem einsamen Berghotel verbringen, in dem die Renovierungsarbeiten noch im vollen Gange sind. Ausser den Hausmeistern hat keiner in diesem Gebäude den vollen Überblick, wo was ist. Als dann einer der Reisegruppe verschwindet, beginnt die Suche. In einem schwer erreichbaren Raum im Keller wird die Leiche des Verschwundenen gefunden. Nun beginnt die Suche nach dem Täter, der nur im Hotel sein kann. Die Location ist eingeschneit, keiner kann flüchten. Keiner fühlt sich mehr sicher, jeder könnte der Mörder gewesen sein. Und: es kann keiner Hilfe anfordern, denn alle sind offline und ohne mobile Endgeräte.

Am Anfang konnte ich mich nicht ganz so schnell in die vorgegebene Situation einfinden. Keiner der Protagonisten konnte so recht meine Sympathie gewinnen. Zwar konnte mich die Geschichte als solches durchaus im Laufe des Buches überzeugen, jedoch blieb die Reisegruppe plus Hausmeister mir dennoch suspekt, und es war für mich kein Sympathieträger dabei.

Trotzdem fand ich das Buch gut. In einer Gruppe gibt es immer eine gewisse Eigendynamik. Es werden Teams innerhalb der Gruppe gebildet. Oft genug kennt man dies aus dem Alltag wieder, und teilweise verbünden sich einzelne Teams gegeneinander. So auch hier in diesem Fall. Es war für mich sehr spannend zu lesen, wie die einzelnen Teams miteinander und gegeneinander agiert haben. Schuldzuweisungen waren an der Tagesordnung. Auch der heutige Medienkonsum führt in der Zwischenzeit zu Suchtverhalten, das nicht zu unterschätzen ist. Jedenfalls konnte Arno Strobel den Spannungsbogen im Laufe des Buches erhöhen, und das Buchfesstelte mich ab dem zweiten Drittel, so dass es dann doch recht schnell durch war. Ein Buch, das mich jedenfalls zum Nachdenken angeregt hat, welche Rolle ich in einer Gruppe spiele, und was ich machen würde, wenn ich für einige Tage offline sein würde. Vier Sterne!

[Rezension] Sina Müller – Amber Eyes (Für immer mit dir)

Sam Amber ist ein gefeierter Superstar. Mit seiner Band Session One wurde weltberühmt, auf der Straße wird er umzingelt, jeder will ein Foto oder ein Autogramm von ihm. Sein Manager Brian merkt: der Rummel um seine Person tut Sam aber auf Dauer nicht gut. So soll dieser sich wieder um seine alten Freundschaften kümmern, um einen sicheren Hafen ansteuern zu können, wenn dem hochsensiblen Sänger alles zu viel wird. Seine Kontaktaufnahme zu seinem alten Freund Paul geht anders aus als gedacht, denn Sams alter bester Freund ist an Krebs verstorben. Zudem blockt Pauls Zwillingsschwester Allie Sam ab, denn beide waren für den anderen die erste Jugendliebe, die Sam aus einer blöden Reaktion zerstört hat. Doch die verkorkste Situation will Sam nicht auf sich sitzen lassen, und kämpft um Allie, und um die Zukunft beider.

Sina Müller hat hier ein Werk geschrieben, das auf den ersten Blick nur nach einer reinen Rockstar-Lovestory aussieht. Und doch steckt in Amber Eyes so viel Detail und Tiefe, die mich positiv überrascht hat. Hochsensibilität gepaart mit dem Verlust eines Krebskranken: eine Geschichte, die nicht ohne ist. Doch Sina hat das ganze gekonnt umgesetzt! Für mich hat das Buch einen besonderen Stellenwert, da ich selbst jemanden an diese fiese Krankheit verloren habe, und mir die Musik sehr geholfen hat. Und so finden Allie und Sam auch ihren eigenen Weg über die Musik, und bauen sich etwas schönes aus den Steinen, die ihnen im Weg legen.

Die Entwicklung der Protagonisten gefällt mir, wenn auch Allie sich manchmal mehr anstellt als sie müsste. Aber das gehört auch zu dieser Geschichte dazu. Sina, danke dir für diese schöne Geschichte!

[Blogtour Amber Eyes] Krebs ist ein A****loch

Sina Müller hat mit ihrem Werk „Amber Eyes“ für mich zwei wichtige Themen angesprochen. Zum einen Hochsensibilität, zum anderen das Thema Krebs.

Krebs ist ein Arschloch. Krebs hat so viele Facetten, die man komplett unterschätzt. Es gibt Krebsarten, wie z. B. die Haarzellleukämie, die einen erstmal begleitet, die einen ein halbwegs normales Leben führen lässt. Und dann gibt es diese besonders grausamen Krebsformen, die einen innerhalb weniger Wochen dahinsiechen lassen. Zeit für Abschied bleibt da kaum. Und wenn doch, ist es ein sehr schwerer und intensiver Abschied. Für den Betroffenen ist es oft Erleichterung: Erleichterung von Schmerzen, Qualen, Therapien. Für die Familien und Freunde ist es die Katastrophe, ein Wechselbad der Gefühle. Der Mensch in ihrer Mitte fehlt, und doch weiß das Umfeld um die Erleichterung.

Und dann bin ich persönlich sehr froh um die Forschung, Pflegepersonal, Ärzte, Kliniken, die ihr bestes geben, um den Patienten soviel Last wie möglich zu nehmen. Leider nicht immer erfolgreich.

Doch wie geht man mit so einem schweren Schicksal um? In meinem Leben ist nicht nur eine Freundin und Familienmitglied an Krebs gestorben. Enge Familienmitglieder musste ich ziehen lassen und habe mich sehr machtlos gefühlt. Das kann doch nicht sein, warum gerade diese eine Person? Ich für meinen Teil war sehr froh, mit den Menschen nochmal bewusst geredet zu haben, Zeit verbracht zu haben, und sei es nur für 5 Minuten gemeinsames Nachrichten schauen im Krankenhaus.

Viel geholfen hat mir hier die Musik. Musik, die man gemeinsam gehört hat, die einen an die schönen Erlebnisse erinnert hat. Mein Vater – selbst an Krebs gestorben – und ich haben uns immer Musikvideos hin und her geschickt, die wir toll fanden. Beide mochten wir Johnny Cash. Und heute: habe ich immer ein Lächeln im Gesicht, wenn ich Johnny Cash höre.

Es gibt eine Band namens „Lord of the Lost“, deren Song „See you soon“ mich sehr lange in dieser schweren Zeit begleitet hat. Bei einem Konzert habe ich den Sänger Chris auf diesen Song angesprochen, die Zeilen zu „See you soon“ stammen aus seiner Feder. Meine Stimme brach, ich konnte nichts mehr sagen, aber er nahm mich nur noch in den Arm. Diese Geste bedeutet mir bis heute sehr viel, sie hat mich durch die schwere Zeit getragen.

Welche Musik hilft euch bei schweren Zeiten?

Love is Love – die LGTBQIA+ Woche beim Amrum Verlag

Was bedeutet Liebe?

Es gibt viele Arten von Liebe. Freundschaftliche Liebe, familiäre Liebe, partnerschaftliche Liebe. Ja, manchmal lieben wir sogar Dinge. Oder unser Haustier. Und es gibt sie, die krankhafte Liebe, die über das hinaus geht, was sein sollte. Bei denen auch Leid entsteht, bei der die Gefühle sehr einseitig sind.

Aber wer definiert, wer wen oder was lieben sollte? In vielen Ländern ist Paare, die nicht nur aus einem Mann und einer Frau bestehen, verpönt. Ja sie werden sogar verfolgt, gefoltert, misshandelt oder im schlimmsten Fall getötet.

Für mich ist dies unbegreiflich. Liebe sollte verbinden. Respektvoll sein. Glücklich machen. Sich nach zuhause anfühlen. Und nicht Leid erzeugen.

Da sollte es egal sein, wer wen liebt. Wie jemand aussieht. Wie jemand sich kleidet, schminkt, und welches Geschlecht „man“ hat.

Die Welt soll bunt sein. Dazu möchte ich meinen Beitrag leisten. Denn für mich ist Liebe Liebe, egal in welchen bunten Farben sie ankommt, sie sollte kribbeln, ehrlich sein. So wie z. B. in Katharina Wolfs Buch „4 Jahre ohne dich„.

[Rezension] Katharina Wolf – 4 Jahre ohne dich

Auch als Schnulzenmuffel muss ich mich jetzt mal outen: ich stehe voll auf Katharina Wolfs Bücher (und die Autorin ist auch Zucker!!). Ihre Bücher lassen sich wunderbar mit einem Rutsch durchlesen, sind humorvoll und für mich nicht allzu kitschig.

Wer das Buch „Mein Herz, dein Kopf und ein Universum dazwischen“ kennt, wird sich freuen, denn „4 Jahre ohne dich“ ist zeitlich zwar vor „Mein Herz, dein Kopf und ein Universum dazwischen“ erschienen, erzählt aber die Geschichte u. a. um die Hochzeit von Sebastian und Hiro. Doch das soll nicht alles sein.

Nora hat nicht immer Glück im Leben gehabt. Die Familie ihrer ersten großen Liebe Jan wird zu ihrer eigenen, da sie selbst keine mehr hat. Für Nora ist Jan ihr ein und alles, aber die Beziehung hat einen Haken: Jan arbeitet sehr viel, und versetzt Nora immer wieder für seine Chefin. Als Nora bei einem Konzert von einem anderen jungen Mann geküsst wird, beendet Jan die Beziehung. Nora fällt aus allen Wolken, zumal Jan schnell Ersatz gefunden hat. Nora streicht die Segel, und kappt die Verbindung zu ihrem alten Leben. Erst als Sebastians und Giros Hochzeit vier Jahre später ansteht, kommt sie zurück, so schwer es ihr fällt.

Bei vier Jahre ohne dich habe ich sehr schmunzeln müssen. Das Buch ist wirklich wunderbar unterhaltsam und kurzweilig. Und doch lehrt es uns eines ganz wichtiges. Bei der Liebe ist es egal, wenn wir lieben. Manchmal braucht es Geduld und Zeit, aber vor allem Verständnis und die richtige Kommunikation.

[Rezension] Dominique Stalder – Alastor

Arthur C. Clarke meinte einst, dass er die Beantwortung der Frage, ob wir allein im Weltall sind oder nicht, gleichermaßen verstörend findet. Ehrlich gesagt, mir ergeht es da nicht anders.

Dominique Stalder hat sich in seinem Werk „Alastor“ mit ebendieser Frage auseinander gesetzt. Harder, der bei der KSK eingesetzt wird, eckt in seiner Kompanie an. Da kommt es gerade gelegen, dass er zu einem besonderen Spezialauftrag abgezogen wird. Die Reise führt ihn zum Geheimprojekt HOPE, dessen Auftrag darin besteht, die Erde zu retten. Die Welt ist selbst nicht geeint, und muss sich nun auch noch Angriffen von außen stellen. Aliens haben einen Virus entwickelt, um die Menschheit auszulöschen. Nur Alastor kann mit ihnen Kontakt aufnehmen, und erfährt so den wahren Grund des Angriffs.

Stalder hat mit diesem Buch ein Statement geschaffen, das nicht besser in unsere Zeit passen könnte. Umweltkrisen, Kriege, Egoismus: Man könnte meinen, die Welt geht zugrunde. Doch wie rettet man diese Welt? Kann die Welt durch das Aussterben der Menschheit gerettet werden, oder liegt es am Menschen selber, diese zu einem besseren Platz zu machen?

Die Protagonisten, besonders Halder, hat mir gut gefallen. Die Entwicklung vom Kotzbrocken, der sich nicht gerade beliebt macht, zu demjenigen, der die Chance bekommt, einen Neuanfang für die Menschheit zu wagen, konnte mich überzeugen. Manch Charakter konnte auch im letzten Moment durch eine unerwartete Wendung überraschen.

„Alastor“ ist ein Spiegelbild der heutigen Gesellschaft. Jede Nation ist sich im Extremfall die nächste, eine vernünftige Entscheidung scheint nicht erstrebenswert. Die Verzweiflung derer, die sich um eine gesunde Entwicklung der jetzigen Situation bemühen und doch an den entsprechenden Stellen scheitern, ist greifbar.

Dieses Buch konnte mich definitiv überzeugen. Es ist eine Warnung an die Menschheit, verpackt in seinen SciFi Roman, der wirklich wirklich gut gelungen ist!

[Rezension] Nadine Matheson – The Jigsaw Man (Im Zeichen des Killers)

London. Die Ermittlerin Anjelica Henley hat nach ihrem letzten Fall ihre Zeit bei der SCU hinterm Schreibtisch verbracht. Als es in London vor Morden wimmelt, muss sich Henley ihrer Vergangenheit stellen: Vor Ort am Tatort. Denn: Ihr größter Feind, der Jigsaw Mörder, scheint zurück. Die Leichen sind zerstückelt, und es gilt, die Fährten wie ein Puzzle zusammen zu setzen. Der Fall ist brisant, denn der Jigsaw Mörder sitzt hinter Schloss und Riegel. Wirklich?

Das Debüt von Nadine Matheson hat mir sehr gefallen. Auch wenn zwischenzeitlich die Ermittlungen festgefahren scheinen, kann durch eine überraschende Wendung das Buch nochmal an Fahrt aufnehmen. Flüssig zu lesen, hält das Buch meiner Meinung nach den Spannungsbogen konstant.

Die Protagonisten sind überzeugend, und der Charakter des Jigsaw Mörders empfand ich als ein gewinnender Charakter. Die fiese Art, fast schon überlegend wirkend, gruselte mich, und es war nicht abzuschätzen, wie weiter dieser die Finger im Spiel hatte. Ebenso die Hauptermittlerin Henley: diese hat nicht nur mit den Nachwehen der letzten Ermittlung zu kämpfen, sondern auch mit den Nachteilen, die es bei der Polizeiarbeit gibt. Es gibt bei laufenden Ermittlungen kaum Freizeit, geschweige denn einen wirklichen Feierabend. Unter der Arbeitslast und dem Risiko, eventuell nicht mehr heil oder lebend nach Hause zu kommen, leidet die Familie Henleys.

Für mich ebenso wenig zu verachten war die Arbeit des Gefängnispersonals. Die Zuverlässigkeit spielt hier auch eine entscheidende Rolle.

Die Geschichte um den Serienmörder Olivier hat mir einige spannende Lesestunden beschert. Wer auf blutige und spannende Thriller steht, ist hier richtig.

[Rezension] Michael Crummey – Die Unschuldigen

Mitten in der kanadischen Wildnis lebt ein Ehepaar mit seinen zwei Kindern Evered und Ada. Geprägt von Wechsel der Jahreszeiten, passt sich die Familie der Natur an. Was sie nicht selbst an Nahrung fangen oder anpflanzen können, wird einmal im Jahr gegen gefangen Fisch eingetauscht. Ansonsten ist das Leben autark und fern von anderer Zivilisation.

Als beide Elternteile innerhalb kurzer Zeit sterben, sind die beiden Geschwister auf sich allein gestellt. Mit dem kläglichen Wissen, dass ihre Eltern ihnen vermittelt haben, bzw. mit dem, was sie aufgeschnappt haben, müssen sie Tag für Tag ums Überleben kämpfen. Zwar wäre es ein Einfaches, mit dem Versorgungsschiff in das nächstgelegene Dorf zu kommen, um dort zur Schule zu gehen, oder eine eigene Familie zu gründen. Doch das lehnen die Geschwister ab. Erst als Ada schwanger ist, ändert sich die Situation grundlegend.

Dieses Buch hat mich durchaus fasziniert. Wie schafft es eine Familie, die einerseits Schulden abbezahlen muss, gleichermaßen mit dem nötigsten, was die Natur bietet, das eigene Überleben zu sichern und zusätzlich die Schulden abzubezahlen? Es ist ein Weg, der sehr start mit der Natur verknüpft ist. Die Gezeiten ändern sich, jede Jahreszeit bietet Vor- und Nachteile, und kann ganz besondere Schätze freilegen. Für manchen Schatz bedarf es viel Mut, über das Eis zu gehen, um ein gestrandetes Schiff zu plündern.

So schwebt über dieser Geschichte immer wieder die Frage, ob dieser Lebensweg der richtige ist. Denn die Einsamkeit ist ein gewichtiger Faktor, der nicht ausser acht zu lassen ist. Zwar freuen sich die Geschwister über den Besuch verschiedener Seefahrer, und doch ist ihnen klar, dass dies auch den Frieden in der Bucht zerstören kann.

Beide Geschwister müssen aufgrund ihres Wissensstandes ihre eigenen Erfahrungen machen. Bis zum eigenen Tod konnten die Eltern trotz des einfachen Lebens ein gewisses Maß an behütetem Schutz aufrecht erhalten. Und doch hat es die Geschwister in Gefahr gebracht: der Winter ist streng, und wer nicht weiß, wie damit umzugehen, stößt schnell an die Grenzen der Witterung.

Aber beide Geschwister gehen ihren eigenen Weg, arbeiten mal mehr, mal weniger gut zusammen. Es sind die Erfahrungen, die sie trotz der eigenen Gefühle und Widerstände teilen müssen. Grenzen müssen überwunden werden, neue Wege entdeckt, und Gewohnheiten geändert werden.

„Die Unschuldigen“ ist ein düsteres Buch, aber auch ein Buch, das nachdenklich stimmt. Zwischendurch habe ich mich schon gefragt, ob man so naiv sein kann, dass man manche Situationen nicht so kombinieren kann, dass man gewisse Zusammenhänge nicht erkennt. Und doch musste ich mich genauso fragen, ob es mir in der im Buch beschriebenen Situation so viel anders gegangen wäre?

Das Cover spiegelt die Stimmung im Buch übrigens sehr gut wieder. Es gefällt mir sehr gut.

Es ist eins dieser Bücher, die man zur Seite legt, wenn sie fertig sind, und noch lange nachwirken.